Du kennst bestimmt diese Geschichten: Die Chefin, die scheinbar mühelos jede Krise meistert. Der Kollege, der bei jeder Präsentation souverän auftritt. Die Gründerin, die ihre Vision mit unerschütterlicher Ruhe verfolgt. Und dann fragst du dich: Was haben die, was ich nicht habe? Hier kommt die gute Nachricht: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Sache völlig anders funktioniert, als wir alle dachten.
Forscher der Universität Bern und der Universität Gent haben über acht Jahre hinweg Menschen in ihrem Berufsleben begleitet. Das Ergebnis, das Andreas Hirschi und sein Team im Journal of Vocational Behavior veröffentlichten, dreht alles um, was wir über erfolgreiche Menschen zu wissen glaubten: Diese Leute waren nicht von Anfang an so. Der Erfolg selbst hat sie verändert. Ihre Persönlichkeit ist nicht die Ursache ihres Erfolgs – sie ist dessen Ergebnis.
Die Sache mit der Henne und dem Ei
Wir alle machen den gleichen Denkfehler. Wir sehen jemanden, der beruflich erfolgreich ist, beobachten ihre Gelassenheit, ihre Entschlossenheit, ihren Fokus – und schlussfolgern: Klar, deshalb hat sie es geschafft. Aber die Langzeitstudie aus Bern zeigt etwas Faszinierendes: Die Kausalität läuft in beide Richtungen. Ja, bestimmte Eigenschaften helfen beim beruflichen Aufstieg. Aber der Aufstieg selbst formt die Person fundamental um.
Das nennt sich in der Psychologie das transaktionale Modell der Persönlichkeitsentwicklung. Klingt kompliziert, bedeutet aber etwas Hoffnungsvolles: Deine Persönlichkeit ist nicht in Stein gemeißelt. Bedeutsame Lebenserfahrungen verändern dich – und beruflicher Erfolg gehört zu den prägendsten Erfahrungen überhaupt.
Was mit dir passiert, wenn du Erfolg hast
Die Berner Forscher haben Menschen acht Jahre lang verfolgt und dabei kontinuierlich ihre Persönlichkeit gemessen. Das Ergebnis ist ziemlich beeindruckend: Mit zunehmendem beruflichen Erfolg wurden die Teilnehmer emotional stabiler. Nicht, weil sie es schon immer waren, sondern weil der Erfolg sie verändert hat.
Das funktioniert neurobiologisch ungefähr so: Jedes Mal, wenn du eine berufliche Herausforderung meisterst, sendest du deinem Gehirn eine Botschaft. „Ich kann das“ wird nicht nur zu einem Gedanken, sondern zu einer körperlichen Erfahrung. Dein Nervensystem kalibriert sich neu. Was früher Angst ausgelöst hätte, wird zur lösbaren Aufgabe. Diese Umprogrammierung ist messbar und real.
Emotionale Stabilität entwickelt sich durch Erfolg
Die deutlichste Veränderung, die die Studie fand, betrifft die emotionale Stabilität. Menschen, die beruflich vorankamen, wurden ruhiger, ausgeglichener und weniger anfällig für Stress. Das Spannende: Diese Stabilität war nicht die Eintrittskarte zum Erfolg, sondern dessen Geschenk.
Denk mal darüber nach, wie das praktisch aussieht. Du präsentierst zum ersten Mal vor der Geschäftsführung, dein Herz rast, deine Hände zittern. Es läuft gut. Beim nächsten Mal bist du noch nervös, aber etwas ruhiger. Nach einem Dutzend solcher Situationen ist dein Körper konditioniert: Diese Situation ist bewältigbar. Das ist keine Charakterstärke, die du mitbringen musstest – es ist eine erworbene Fähigkeit.
Die Big Five und wie Karriere sie umformt
In der Persönlichkeitspsychologie gibt es ein Modell, das ziemlich gut beschreibt, wie Menschen ticken: die Big Five. Das sind fünf grundlegende Dimensionen – Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Bei jeder dieser Dimensionen zeigt sich, dass beruflicher Erfolg sie beeinflusst.
Gewissenhaftigkeit: Der echte Vorhersagefaktor
Hier wird es kompliziert. Eine umfassende Metaanalyse, die auf mehreren tausend Studien basiert, zeigt tatsächlich: Gewissenhaftigkeit ist der stärkste persönlichkeitsbezogene Vorhersagefaktor für berufliche Leistung. Mit einer Effektstärke von 0,20 liegt sie vorne.
Bevor du jetzt anfängst, obsessiv To-Do-Listen zu schreiben: Diese Effektstärke ist nicht überwältigend. Sie erklärt etwa vier Prozent der Unterschiede in beruflicher Leistung. Das bedeutet, 96 Prozent dessen, was Erfolg ausmacht, hängt von anderen Dingen ab. Glück, Kontext, Netzwerke, strukturelle Chancen – all das spielt eine viel größere Rolle als deine angeborene Tendenz, ordentlich zu sein.
Das Extraversions-Paradox
Jetzt wird es richtig interessant. Die Berner Studie fand heraus, dass erfolgreiche Menschen mit der Zeit tatsächlich weniger extravertiert wurden. Sie wurden zurückhaltender, weniger gesellig, distanzierter in sozialen Situationen.
Das widerspricht komplett dem Klischee vom charismatischen Chef, der den Raum betritt und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Realität ist nuancierter: Erfolgreiche Menschen lernen, ihre soziale Energie strategischer einzusetzen. Sie werden wählerischer in ihren Interaktionen, nicht aus Arroganz, sondern aus Effizienz. Sie haben gelernt, wo ihre Zeit und Aufmerksamkeit wirklich zählen.
Subjektiver versus objektiver Erfolg
Eine weitere wichtige Studie von Wilmot und Ones aus dem Jahr 2022, veröffentlicht im Personality and Social Psychology Review, brachte eine entscheidende Unterscheidung ans Licht. Die Forscher analysierten fast 4.000 Studien mit insgesamt 1,9 Millionen Teilnehmern und fanden heraus: Persönlichkeitsmerkmale wirken sich unterschiedlich auf verschiedene Arten von Erfolg aus.
Objektiver Erfolg bedeutet: Position, Gehalt, Titel, die messbaren Karrieremarker. Subjektiver Erfolg bedeutet: Wie zufrieden bist du mit deiner Karriere? Fühlst du dich erfüllt? Hat deine Arbeit Sinn?
Und hier wird es wirklich wild: Verträglichkeit – also kooperativ, empathisch und harmoniebedürftig zu sein – korreliert positiv mit subjektivem Erfolg. Menschen, die verträglich sind, fühlen sich in ihren Jobs wohler. Aber für objektiven Erfolg, also Beförderungen und Gehaltserhöhungen, kann Verträglichkeit tatsächlich ein Nachteil sein.
Das ist keine moralische Wertung, sondern eine empirische Beobachtung: In vielen Organisationen werden zu kooperative Menschen übersehen. Sie setzen sich nicht durch, fordern nicht aggressiv genug, machen Platz für andere. Das System belohnt das nicht – auch wenn es das vielleicht sollte.
Offenheit entwickelt sich durch Erfolg
Ein weiterer überraschender Befund der Langzeitstudie: Erfolgreiche Menschen entwickeln im Laufe ihrer Karriere mehr Offenheit für Erfahrungen. Sie werden kreativer im Denken, experimentierfreudiger, neugieriger auf neue Ansätze.
Auch hier gilt: Das ist nicht zwingend eine Eigenschaft, die sie von Anfang an hatten. Es ist eine Folge erfolgreicher Erfahrungen. Wenn du merkst, dass unkonventionelle Ansätze funktionieren, wirst du mutiger. Wenn deine Ideen Anerkennung finden, traust du dich weiter. Erfolg schafft einen kognitiven Freiraum, der Innovation ermöglicht.
Was das praktisch für dich bedeutet
All diese Forschung klingt akademisch, aber die praktische Erkenntnis ist ziemlich revolutionär: Du bist nicht festgelegt. Die Geschichte „Ich bin halt kein Karrieretyp“ ist wissenschaftlich nicht haltbar. Deine Persönlichkeit ist formbar, besonders durch bedeutsame Erfahrungen – und beruflicher Erfolg ist eine der prägendsten Erfahrungen überhaupt.
Das bedeutet nicht, dass du dich verbiegen sollst oder dass jeder die gleichen Chancen hat. Strukturelle Faktoren, Privilegien und Glück spielen eine riesige Rolle. Aber es bedeutet: Jede berufliche Herausforderung, die du meisterst, verändert dich. Jedes Projekt, das du erfolgreich abschließt, formt dein Selbstbild neu. Jede Anerkennung kalibriert deine emotionale Grundausstattung.
Der Survivorship Bias und warum er wichtig ist
Eine wichtige Einschränkung, die du kennen solltest: Studien wie die aus Bern folgen Menschen über Jahre hinweg – aber sie erfassen nur die, die durchhalten. Menschen, die scheitern, aus dem Berufsleben aussteigen oder die Branche wechseln, tauchen in den Daten nicht mehr auf. Das nennt sich Survivorship Bias.
Das bedeutet: Die positiven Veränderungen, die wir bei erfolgreichen Menschen sehen, sind teilweise auch Ausdruck dessen, dass Menschen, bei denen diese Veränderungen nicht eintraten, aus der Stichprobe verschwunden sind. Erfolg formt – aber er selektiert auch. Nicht jeder, der anfängt, kommt durch. Und nicht jeder, der durchkommt, wird auf die gleiche Weise verändert.
Die messbaren Veränderungen
Basierend auf der aktuellen Forschung sind dies die Persönlichkeitsaspekte, die sich durch beruflichen Erfolg am deutlichsten verändern:
- Emotionale Stabilität steigt: Du wirst ruhiger, ausgeglichener, stressresistenter – weil du lernst, dass du Herausforderungen bewältigen kannst.
- Offenheit für Erfahrungen nimmt zu: Erfolgreiche Projekte machen dich mutiger im Denken und experimentierfreudiger.
- Extraversion nimmt ab: Du wirst selektiver in deinen sozialen Interaktionen und strategischer im Einsatz deiner Energie.
- Gewissenhaftigkeit bleibt relativ stabil: Sie ist eher eine Voraussetzung als ein Ergebnis, variiert aber stark je nach Arbeitskontext.
- Verträglichkeit ist zweischneidig: Sie macht dich zufriedener, kann aber objektiven Aufstieg behindern – abhängig von der Organisationskultur.
Kontextabhängigkeit ist entscheidend
Ein Punkt, der oft übersehen wird: Nicht alle Charakterzüge sind in allen Branchen von Vorteil. Was in einem Startup als innovative Offenheit gefeiert wird, gilt in einer Behörde möglicherweise als mangelnde Zuverlässigkeit. Was in einer Anwaltskanzlei als angemessene Durchsetzungsstärke gilt, würde in einer sozialen Einrichtung als toxisch wahrgenommen.
Die Metaanalysen zeigen durchschnittliche Effekte über tausende von Studien hinweg – aber dein individueller Kontext kann dramatisch davon abweichen. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, nicht nur welche Eigenschaften generell mit Erfolg assoziiert sind, sondern wie dein spezifisches Arbeitsumfeld bestimmte Eigenschaften belohnt oder bestraft.
Die Kausalitätsfalle
Der größte Denkfehler beim Thema Berufserfolg ist die Annahme einseitiger Kausalität. Wir sehen einen erfolgreichen Menschen und denken: „Die ist erfolgreich, weil sie so selbstsicher ist.“ Die Forschung zeigt aber: Sie ist selbstsicher, weil sie erfolgreich ist – zumindest teilweise.
Das ist keine Wortklauberei, sondern hat praktische Konsequenzen. Wenn du glaubst, dass Erfolg bestimmte angeborene Eigenschaften voraussetzt, gibst du möglicherweise auf, bevor du überhaupt angefangen hast. Wenn du aber verstehst, dass Erfolg diese Eigenschaften erst hervorbringt, hast du plötzlich einen Hebel: Schaffe kleine Erfolgserlebnisse, und sie werden dich verändern.
Die transformative Kraft kleiner Erfolge
Hier wird die Forschung richtig praktisch anwendbar: Wenn größerer Erfolg die Persönlichkeit formt, dann tun es auch kleinere Erfolge. Jedes bewältigte Meeting, jedes abgeschlossene Projekt, jede Anerkennung deiner Arbeit sendet Signale an dein neurobiologisches System.
Das bedeutet nicht, dass du zwanghaft Erfolgserlebnisse sammeln sollst. Es bedeutet aber, dass du dir bewusst machen solltest, welche transformative Kraft darin liegt, Dinge zu Ende zu bringen, Anerkennung zu suchen und Herausforderungen anzunehmen – auch wenn sie zunächst außerhalb deiner Komfortzone liegen.
Was wir wirklich gelernt haben
Die moderne Persönlichkeitsforschung, besonders die Arbeit von Andreas Hirschi und seinem Team an der Universität Bern sowie die umfassende Metaanalyse von Wilmot und Ones, räumt mit einem hartnäckigen Mythos auf: dem Mythos des geborenen Leaders, der natürlichen Unternehmerin, der Person, die einfach schon immer zum Erfolg bestimmt war.
Die Realität ist interessanter und hoffnungsvoller: Erfolg schafft viele der Eigenschaften, die wir mit ihm assoziieren. Das heißt nicht, dass Ausgangsbedingungen irrelevant sind. Eine gewisse Gewissenhaftigkeit hilft tatsächlich, und emotionale Grundstabilität ist sicher von Vorteil. Aber der transformative Effekt von Erfolg auf die Persönlichkeit ist real, messbar und bedeutsam.
Du bist nicht zum Erfolg oder Misserfolg verdammt aufgrund deiner aktuellen Persönlichkeitsstruktur. Du befindest dich in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess, in dem Erfahrungen dich formen – und berufliche Erfolge gehören zu den prägendsten Erfahrungen. Die Person, die du in fünf Jahren sein wirst, wird maßgeblich davon beeinflusst sein, welche beruflichen Herausforderungen du bis dahin gemeistert hast.
Das ist die wichtigste Erkenntnis aus acht Jahren Forschung: Du wächst nicht nur in deiner Karriere – deine Karriere lässt dich auch als Person wachsen. Und das ist keine motivierende Phrase, sondern empirisch fundierte Wissenschaft, die auf Langzeitstudien mit tausenden Teilnehmern basiert.
Die Frage ist also nicht: Habe ich die richtigen Eigenschaften für Erfolg? Die Frage ist: Bin ich bereit, die Erfahrungen zu machen, die mich verändern werden? Denn genau das passiert, wenn du dich auf den Weg machst. Der Erfolg formt dich, während du ihn verfolgst.
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