Warum verschränken so viele Leute beim Gehen ihre Arme? Die Psychologie dahinter ist verrückter als gedacht
Wie oft bist du schon durch die Fußgängerzone geschlendert und hast gedacht „Wow, der Typ mit den verschränkten Armen sieht aus, als hätte er echt keinen Bock auf die Welt“? Wir alle kennen diese Geste. Arme fest vor der Brust gekreuzt, Gesicht neutral bis leicht genervt, Körperhaltung irgendwo zwischen „Lass mich in Ruhe“ und „Ich bin eine menschliche Festung“. Aber hier kommt der Plottwist: Was wir jahrelang über diese Körperhaltung geglaubt haben, ist größtenteils kompletter Quatsch.
Die Populärpsychologie hat uns verkauft, dass verschränkte Arme das universelle Zeichen für „Ich mag dich nicht“ sind. Spoiler Alert: Die Wissenschaft sagt was ganz anderes. Und nachdem ich mich durch Studien, FBI-Analysen und Experimente gewühlt habe, kann ich dir sagen – diese alltägliche Geste ist so viel interessanter als du denkst.
Der Mythos, der einfach nicht stirbt
Lass uns mit dem Offensichtlichen anfangen. Ja, manchmal bedeuten verschränkte Arme tatsächlich „Ich fühle mich hier unwohl“ oder „Bleib mir vom Leib“. Aber – und das ist ein großes Aber – das ist nur eine von vielen möglichen Erklärungen. Die Idee, dass diese Geste automatisch Ablehnung bedeutet, ist ungefähr so nuanciert wie zu sagen „Jeder, der lächelt, ist glücklich“. Spoiler: Manche Leute lächeln auch beim Zahnarzt, und das hat nichts mit Freude zu tun.
Joe Navarro, der 25 Jahre lang als Verhaltensanalyst für das FBI gearbeitet hat, erklärt in seinem Buch „What Every BODY is Saying“ von 2008, dass verschränkte Arme eine Schutzgeste sein können. Wenn du dich bedroht oder unsicher fühlst, wandern deine Arme instinktiv vor deinen Torso – als würdest du deine vitalen Organe schützen. Das macht evolutionär total Sinn. Unsere Vorfahren haben sich wahrscheinlich ähnlich verhalten, wenn ein Säbelzahntiger um die Ecke kam.
Aber hier wird es weird: Diese Interpretation deckt vielleicht ein Drittel der Fälle ab, wenn überhaupt. Der Rest? Komplizierter als die letzte Staffel deiner Lieblingsserie.
Plot Twist: Verschränkte Arme machen dich schlauer
Jetzt kommt der Teil, der mir fast den Verstand geraubt hat. Ron Friedman und Andrew Elliot von der University of Rochester haben 2008 eine Studie durchgeführt, die alles auf den Kopf stellt. Sie ließen 47 Studenten knifflige Denkaufgaben lösen – die eine Hälfte mit verschränkten Armen, die andere mit entspannt herabhängenden Armen.
Und rate mal, was passiert ist? Die Leute mit verschränkten Armen haben länger durchgehalten. Sie haben sich mehr angestrengt. Sie haben seltener aufgegeben. Die Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse im Journal of Experimental Social Psychology und stellten fest, dass verschränkte Arme die kognitive Leistung verbessern können. Es ist, als würde dein Körper deinem Gehirn sagen „Okay, wir konzentrieren uns jetzt mal richtig“.
Das bedeutet: Wenn du jemanden mit verschränkten Armen beim Gehen siehst, ist diese Person vielleicht nicht abweisend. Vielleicht löst sie gerade mental ein komplexes Problem. Vielleicht plant sie ihren Tag. Vielleicht ist sie einfach nur tief in Gedanken versunken. Die verschränkten Arme sind dann keine soziale Botschaft an dich, sondern eine Art mentaler Konzentrationsmodus.
Die Selbstumarmung für Gestresste
Hier wird es noch wilder. Verschränkte Arme können auch eine Form der Selbstberuhigung sein. Du läufst durch eine laute, überfüllte Innenstadt. Überall Menschen, Lärm, Chaos. Dein Nervensystem geht ab wie eine Alarmanlage. Was machst du unbewusst? Richtig – Arme verschränken.
Wissenschaftler wie Tiffany Field, die 1998 im Journal of Clinical Psychology über Selbstberührung und Gesundheit publiziert hat, zeigen, dass sanfte Selbstberührungen das parasympathische Nervensystem aktivieren können. Das ist der Teil deines Nervensystems, der für „Ruhe und Verdauung“ zuständig ist – das Gegenteil vom Stressmodus. Wenn du deine eigenen Arme umfasst, gibst du dir selbst quasi eine Mini-Umarmung. Dein Körper interpretiert das als beruhigendes Signal.
Das ist besonders krass bei introvertierten Menschen oder Hochsensiblen. Für sie sind überfüllte öffentliche Räume wie sensorische Overload-Zonen. Verschränkte Arme beim Gehen sind dann keine antisoziale Geste, sondern eine Überlebensstrategie. Es ist ihre Art zu sagen „Ich brauche gerade eine emotionale Pufferzone zwischen mir und dieser reizüberflutenden Welt“.
Die langweiligste Erklärung ist oft die richtige
Und jetzt kommt die Realitätsprüfung, die wir alle brauchen: Manchmal ist dem Menschen einfach nur kalt. Ja, wirklich. Das ist keine tiefenpsychologische Analyse wert. Von Oktober bis März verschränken in Deutschland vermutlich Millionen von Menschen ihre Arme, weil sie keinen Bock haben zu frieren. Ende der Geschichte.
Oder – und das ist fast genauso banal – es ist einfach bequem. Manche Leute laufen ihr ganzes Leben lang mit verschränkten Armen herum, ohne dass das irgendeine emotionale Bedeutung hat. Es ist ihre Baseline, ihr Normalzustand, ihre Art zu existieren. So wie manche Leute immer die Hände in den Hosentaschen haben oder mit schwingenden Armen laufen wie in einem 90er-Jahre-Musikvideo.
Die Baseline-Methode: Wie echte Profis Körpersprache lesen
Hier kommt der Game-Changer für alle, die wirklich verstehen wollen, was in anderen Menschen vorgeht. Profis schauen nicht auf einzelne Gesten. Sie schauen auf Veränderungen. Sie ermitteln zuerst die Baseline einer Person – also ihr normales, entspanntes Verhalten – und achten dann darauf, wenn sich etwas ändert.
Allan und Barbara Pease, die Autoren des Bestsellers „The Definitive Book of Body Language“ von 2004, hämmern diesen Punkt immer wieder rein: Kontext ist alles. Eine Geste isoliert zu interpretieren ist, als würdest du ein Wort aus einem Satz reißen und behaupten, du hättest die komplette Aussage verstanden.
Beispiel: Dein Kumpel läuft immer mit verschränkten Armen herum. Beim Bier, beim Sport, beim Spaziergang – always. Das ist seine Baseline. Das bedeutet nichts. Aber deine normalerweise super offene Kollegin, die immer mit lebhaften Handbewegungen durch die Gegend läuft, kommt plötzlich mit fest verschränkten Armen und verkniffenem Gesicht ins Büro? Dann ist etwas anders. Dann lohnt es sich, nachzufragen.
Das ist der Unterschied zwischen Hobbypsychologen und Leuten, die wirklich Ahnung haben. Die einen lesen Gesten-Kataloge wie eine Gebrauchsanweisung. Die anderen beobachten, vergleichen und ziehen erst dann Schlüsse.
Dein Körper hackt dein Gehirn
Jetzt wird es richtig meta. Die Forschung zur Embodied Cognition – also der verkörperten Kognition – zeigt uns etwas Verrücktes: Deine Körperhaltung beeinflusst nicht nur, wie andere dich sehen. Sie verändert auch, wie du selbst denkst und fühlst.
Es ist eine Zwei-Wege-Straße. Klar, wenn du unsicher bist, verschränkst du vielleicht die Arme. Aber es funktioniert auch andersherum: Wenn du die Arme verschränkst, kann das deine mentale Verfassung ändern. Forscherinnen wie Amy Cuddy haben in ihrer umstrittenen, aber faszinierenden Arbeit zu Power-Posing gezeigt, dass Körperhaltungen unser Selbstbild beeinflussen können. Eine Meta-Analyse von 2018 im Journal Psychological Science fand Hinweise darauf, dass expansive, offene Haltungen das Selbstvertrauen steigern können, während geschlossene Haltungen wie verschränkte Arme zu defensiverem Denken führen.
Was bedeutet das praktisch? Wenn du auf ein erstes Date gehst oder ein wichtiges Networking-Event besuchst, könnten verschränkte Arme dich in einen mental verschlosseneren Modus versetzen. Nicht weil sie anderen signalisieren „Ich bin nicht interessiert“, sondern weil sie deinem eigenen Gehirn signalisieren „Wir sind jetzt im Verteidigungsmodus“. Dein Körper hackt quasi dein eigenes Denken. Das ist keine Esoterik. Das ist messbare Psychologie. Deine Körperhaltung ist wie ein Joystick für deine mentale Verfassung.
Wann du wirklich aufpassen solltest
Genug relativiert. Es gibt tatsächlich Situationen, in denen verschränkte Arme ein Warnsignal sein können. Aber – und das ist wichtig – nie allein. Schau immer auf das Gesamtpaket.
Wenn jemand mitten im Gespräch plötzlich die Arme verschränkt, nachdem du etwas Bestimmtes gesagt hast, ist das ein stärkeres Signal als wenn die Person schon die ganze Zeit so dasteht. Wenn diese Geste kombiniert wird mit vermiedenem Blickkontakt, zusammengepressten Lippen, zurückweichender Körperhaltung und angespannten Schultern – dann hast du einen ganzen Cluster von Unbehagen-Signalen. Das ist was anderes als nur verschränkte Arme beim entspannten Spaziergang.
Auch wichtig: Wie fest sind die Arme verschränkt? Es gibt einen Riesenunterschied zwischen locker überkreuzten Armen und verkrampft festgeklammerten Armen, bei denen die Knöchel weiß werden. Letzteres deutet auf echten Stress oder Angst hin. Ersteres kann alles Mögliche bedeuten.
Die Sachen, die du mit diesem Wissen anfangen kannst
Was bringt dir dieses ganze Wissen jetzt konkret? Eine ganze Menge, wenn du es richtig anwendest.
- Für dein eigenes Verhalten: Wenn du merkst, dass du ständig mit verschränkten Armen herumläufst und dich fragst, warum Leute dich für unnahbar halten – experimentiere mal bewusst mit offeneren Haltungen. Nicht weil verschränkte Arme „falsch“ sind, sondern weil es deine eigene mentale Verfassung ändern könnte. Du wirst überrascht sein, wie anders sich die Welt anfühlt, wenn du mit schwingenden Armen und offener Brust durch die Gegend läufst.
- Beim Beobachten anderer: Hör auf, Gesten wie ein Wörterbuch zu übersetzen. Niemand ist ein offenes Buch, das du nach festen Regeln lesen kannst. Menschen sind kompliziert. Kontext ist alles. Baseline ist alles. Veränderungen sind das, was zählt.
In wichtigen Situationen – sei es im Bewerbungsgespräch oder beim Date – kann es strategisch klug sein, offenere Körperhaltungen zu wählen. Nicht weil verschränkte Arme „schlecht“ sind, sondern weil viele Menschen immer noch die alte „Ablehnung“-Interpretation im Kopf haben. Es ist wie mit Rechtschreibung: Technisch gesehen ist es egal, aber manche Leute ziehen trotzdem Schlüsse daraus.
Die verrückte Wahrheit über Körpersprache
Nach allem, was ich recherchiert habe, ist die wichtigste Lektion diese: Körpersprache ist keine exakte Wissenschaft. Es gibt keine Gesten-Enzyklopädie, in der du nachschlagen kannst „Seite 47, verschränkte Arme = Ablehnung“. Menschen sind zu komplex für solche Vereinfachungen.
Verschränkte Arme beim Gehen können bedeuten, dass jemand sich unsicher fühlt. Oder konzentriert. Oder dass ihr kalt ist. Oder dass es einfach ihre natürliche Art zu laufen ist. Oder dass sie sich selbst beruhigt. Oder dass sie gerade ein komplexes Problem durchdenkt. Oder alles zusammen. Oder nichts davon.
Die Friedman-Elliot-Studie hat uns gezeigt, dass diese Haltung sogar die kognitive Leistung verbessern kann. Navarro hat erklärt, wie sie als Schutzmechanismus funktioniert. Field hat die selbstberuhigende Komponente erforscht. Pease und Pease haben uns beigebracht, dass Kontext König ist. Und all diese Experten sagen im Grunde dasselbe: Es ist kompliziert.
Und weißt du was? Das ist okay. Eigentlich ist es sogar ziemlich cool. Menschen sind keine Maschinen mit vorhersehbaren Verhaltensmustern. Wir sind chaotisch, widersprüchlich und faszinierend komplex. Eine Geste kann bei zehn verschiedenen Menschen zehn verschiedene Dinge bedeuten.
Das nächste Mal, wenn du jemanden mit verschränkten Armen beim Gehen siehst – oder dich selbst in dieser Haltung ertappst – erinnere dich daran: Es könnte alles bedeuten. Vielleicht ist die Person abweisend. Vielleicht konzentriert sie sich. Vielleicht ist ihr kalt. Vielleicht ist es einfach ihre Art, durch die Welt zu navigieren. Die wahre Kunst liegt nicht darin, Gesten zu entschlüsseln wie ein Code-Knacker. Sie liegt darin, neugierig zu bleiben, den Kontext zu beachten und zu akzeptieren, dass wir nie mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, was in einem anderen Menschen vorgeht.
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